13.11.05

Das blinde Meerschweinchen

Schon als Kind hatte ich einen ziemlichen Hang zu Außenseitern. Ob es nun die rothaarige Sabrina aus der 2B war, die mit der Pflasterbrille und der Zahnspange, oder Kai-Jost Köhler, der einzige Piefke an unserer Schule, Eltern Manager, er dick - es dauerte nicht lange und sie waren meine Freunde.

Dieser Außenseiterhang beschränkte sich jedoch nicht nur auf Menschen. Auch in der Tierwelt fühlte ich mich mehr zu Schnecken, Schlangen und Regenürmern hingezogen als zu diesen schnuckligen aber oberflächlichen Kätzchen und Hündchen.

Einmal wollte ich eine Schneckenzucht aufmachen. Ich nahm also zwanzig Schnecken mit nach Hause und steckte sie in Einweckgläser. Die Einweckgläser verschloss ich mit Küchenkrepp anstatt mit Plastikfolie. Sie sollten ja Luft bekommen die Tiere. Leider hielt das Küchenkrepp dem Schneckenschleim nicht stand, die Schnecken flüchteten und tauchten in den folgenden Wochen an den unmöglichsten Ecken in unserer Wohnung wieder auf.

Meine Mutter sprach daher ein Machtwort. Sie akzeptierte meine Tierliebe und war sogar bereit, mir eines zu schenken. Die einzige Voraussetzung: es handelt sich um ein normales Haustier, um einen Hamster oder eine Maus.
Ich entschied mich für ein blindes Meerschweinchen.

Und ich verstand es überhaupt nicht, dass keiner meine Liebe zu diesem süßen Wesen teilte. Nicht einmal meine Tante. Die schlug sogar mein großzügiges Angebot aus, das Meerschwein mit ins Bett zu nehmen, als sie mal ohne meinen Onkel bei uns zu Besuch war. Dabei meinte es ich es doch nur gut. Ich dachte, sie sei halt einsam in der Nacht.

Posted by L9 at 16:52 | Comments (16)