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21.04.06Manchmal wäre ich wirklich gerne eine verkrachte Existenzoder die Sehnsucht nach dem freien Fall.
Posted by L9 at 19:43
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22.12.05SittengemäldeMal wieder in meiner Tooncam geblättert. Ja, ich entsinne mich. In China hatte ich Schnupfen und damit ein Problem. In China gilt es nämlich als äußerst unhöflich, Körpersekrete in Tüchern aufzufangen und diese dann, der Gipfel der Ekligkeit, in die Hosentasche zu stecken. In China zieht man alles hoch. Das bereitete aber mir wiederum Probleme. Weil was mach ich dann damit? Ausspucken? Im Besprechungszimmer? Auf den Boden? Nein. Ausspucken in ein Taschentuch? Damit wären wir wieder beim Problem der Tuchentsorgung gelandet. Schlucken? Naja.
Ich bin in dieser Zeit äußerst häufig auf die Toilette gegangen. Weil er so nett war, habe ich ihm einen Lebkuchen geschenkt. Mit der Überreichung von Gegenständen ist es aber in China auch so eine Sache. Man überreicht Geschenke, Papiere, Visitenkarten, all das mit beiden Händen. Jemandem etwas mit einer Hand zu geben ist nicht nur unhöflich, man zeigt Missachtung und entwertet den überreichten Gegenstand. Bekommt man selbst etwas geschenkt, darf man es keinesfalls gleich auspacken. Man legt das Geschenk auf die Seite und packt es später aus. Alles andere: mangelnde Wertschätzung, Missachtung.
Chinesen trinken gerne. Aber auch hier ist einiges zu beachten. Stößt man miteinander an muss man aufpassen, das Glas entsprechend des Ranges zu halten. Der Ranghöhere hält das Glas höher als der Rangniedrigere.
Ganbei heißt Prost. Allerdings ist es ein böses Prost. Sagt man Ganbei, dann muss man alles auf einmal trinken. Ex und weg. Haben sie mir zumindest eingeredet. Und weil ich so gut trinken konnte, wollte jeder mit mir Ganbei machen. Und das funktioniert bilateral. Es steht einer auf, kommt zu dir, macht einen Trinkspruch und dann Ganbei. Dann kommt der nächste, und der nächste. Auslassen darfst du keinen, weil das ist unhöflich und zeugt von Missachtung. Am Schluss war ich besoffen.
Die Krönung eines Mahles ist Mao Tai. Die Krönung der Freundschaft ist Ganbei mit Mao Tai. Und die Krönung der Wertschätzung ist Mao Tai mit Schlangenblut. Die Rettungsform von Ganbei ist Banbei. Banbei heißt auch Prost, aber danach darf man nippen. Das haben sie mir aber erst ganz am Schluss gesagt. Noch etwas muss man wissen, wenn man in China essen geht. In China ist es übrigens nicht üblich, sich die Hand zu geben. Deshalb fühlt sich ein chinesischer Händedruck immer so an, als ob man einen toten Fisch in der Hand hält.
Es sei denn, der Chinese hat ein interkulturelles Training absolviert. Dann fühlt sich der Händedruck an wie eine Zange. Ich habe mal gefragt, was Chinesen so im interkulturellen Training lernen. Neben "nicht den Rotz hochziehen", "nicht rülpsen" hat mir besonders gut die folgende Regel gefallen: "Es zeugt in Deutschland keinesfalls von mangelnder Wertschätzung gegenüber dem Hotel, wenn man die Minibar nicht bis auf den letzten Tropfen austrinkt"
Posted by L9 at 13:00
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31.01.05Liebe auf Rapa NuiWenn der nüchterne Europäer an die Südsee denkt, denkt er an das Paradies. An Sonne, an Liebe, an schöne Mädchen. Das ist nicht erst seit Gaughin so, der dieses Paradies erstmalig in der westlichen Kunst thematisierte. Schon die alten Seefahrer berichteten bei ihren ersten Inselbegegnungen von freizügigen Schönheiten, die sich ihnen quasi an den Hals warfen und bei Gott nicht so zickig, prüde und versorgungsorientiert waren, wie die biestigen Mädels aus dem alten Europa. Allerdings scheint es wohl doch nicht die offene Liebe, die andere Kultur Alle anderen Frauen wurden selbstverständlich versteckt. Heute ist das alles anders. Der Tourismus und die Globalisierung bringen es mit sich, dass diese Völker nicht mehr ganz so isoliert leben. Daher steht natürlich auch der Fortpflanzungsgedanke nicht mehr im Vordergrund, es geht wieder um die Romantik und um die Liebe.
Und die Osterinsulaner sind äußerst romantisch. Ein paar zauberhafte Geschichten, eine dunkle Höhle, ein schöner Vollmond, die richtige Knie-Berührung zum richtigen Zeitpunkt - und das Herz der Europäerin beginnt zu schmelzen. Auch wenn es sich dabei um Damen handelt, die sich bereits jenseits des fortpflanzungsfähigen Alters befinden. Manche dieser Damen schreiben dann Bücher und werden ein wenig berühmt. (Kurzer Gedankensprung: diese Menge von Büchern über die Osterinsel, die alleine sind schon ein Buch wert.) Aber nicht nur die lebenden Osterinsulaner sind romantisch, auch die Toten verlieben sich gerne. Da gab es einmal eine junge Frau, die ganz alleine über die Osterinsel gefahren ist mit ihrem Rad. Bei den Moais hat sie meditiert und in dunklen Höhlen übernachtet. Nach Ablauf dieses einsamen Inselurlaubes ging es zurück nach Deutschland, zurück zu ihrem Freund. Dem kamen ein paar Sachen eigenartig vor. Schatten schienen das Mädchen zu umgeben, sie schien nicht alleine zu sein.
Drei Tage später wurde der Freund schwer krank, Schwindelanfälle, Fieberschübe. Er wurde immer schwächer, doch die Ärzte konnten nichts finden. Das Mädchen war verzweifelt. In Ihrer Not wandte sie sich an einen Schamanen. Der erkannte das Problem sofort. "Du warst auf der Osterinsel, alleine bist du durch die Natur gewandert, da haben sich wohl ein paar Geister in dich verliebt. Sie sind mit dir zurückgekommen - und fanden deinen Freund vor. Die Krankheit des Freundes entstand aus der Eifersucht der Geister. Sie wollen ihn loswerden - diesen Nebenbuhler". Unsere deutsch-chilenische Herbergsmutter, die sich auch einen netten Rapa Nui geangelt hat, hat mir diese Geschichte höchstpersönlich erzählt. Und diese deutsch-chilenische Herbergsmutter war mal Journalistin. In Santiago. Deshalb bin ich überzeugt, die Geschichte stimmt! Mir passiert sowas natürlich nicht. Ich scheine eine so pragmatisch-nüchterne Ausstrahlung zu haben, dass die meisten Menschen bei mir gleich zur Sache kommen, selbst wenn es sich um waschechte Rapa Nuis handelt.
Abgesehen davon war ich mit meinem Schatz unterwegs, und der ist so romantisch und toll, da können alle Osterinsulaner abstinken, und die Geister sowieso. Aber so vor 20 Jahren, vor der Zeit von
Posted by L9 at 10:31
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10.01.05Auf der Suche nach der geheimen Botschaft der MoaisDie Moais laden zu den wildesten Spekulationen ein.
Neueste Theorien begnadeter Aussteiger besagen, dass Moais das männliche Geschlechtsteil darstellen, die Hüte das weibliche.
Die Wahrheit über den bösen Blick hat uns einer der Moais in Anakena gesagt. Moais sind ganz einfach sauer, dass ihnen diese uncoolen Hüte aufgesetzt wurden. Ich meine wer will denn im 21. Jahrhundert mit einem solchen altmodischen Tirolerhut rumstehen. Vor allem in dieser Hitze.
Posted by L9 at 01:56
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09.01.05Fertigungsmethoden und Logistik in der Moai-BrancheVor Hunderten von Jahren besiedelte auf der Osterinsel jede Großfamilie ein bestimmtes Inselareal, meist in Küstennähe, weil dort wegen des frischen Grundwassers die Flüssigkeitsversorgung gewährleistet war. Die Leute lebten hauptsächlich im Freien, nur wenn es die Witterung nicht anders zuließ, suchten sie in einer der vielen Höhlen Unterschlupf. Nachdem sich dadurch keine großartige Baukultur entwickelte und auch keine Malerei, musste sich die kulturelle Energie der Osterinsulaner anderweitig entladen. Architekturgenies fokussierten sich daher aufs Bauen von Ahus, riesigen, rampenförmigen Steinaufschichtungen, die als Zeremoniestätten für Ahnen- und Totenkult sowie als Begräbnisstätten für herausragende Mitglieder der osterinsulanischen Gesellschaft dienten. Maler und Bildhauer reagierten ihre Kreativität an der Herstellung der Moais ab, die die Ahnen der Familien darstellten und auf den Ahus aufgestellt wurden, und die Modeschöpfer zogen nicht nur die Priester an sondern auch die Steinfiguren. Auftraggeber für diese Anlagen waren die Clans, die das jeweilige Inselareal bewohnten. Jeder Clan hatte seine eigene Anlage, insgesamt waren es um die 245. Und was dem Deutschen der Mercedes war dem Rapa Nui der Moai – er musste größer, schöner, innovativer sein als der des Nachbarn. Der größte Moai, er ist so um die 21 Meter hoch, befindet sich im halbfertigen Zustand im Steinbruch und ist nie vollendet worden. Lange Zeit war die Herstellung der Moais ein großes Rätsel. Zeitweise gab es sogar die Philosophie, dass die Moais von Außerirdischen gebracht worden wären, weil es auf der Insel dieses Gestein, aus dem die Moais bestehen würden, gar nicht geben sollte. Stimmt aber nicht, es gibt den Stein. Im Rano Raraku, einem Steinbruch, der in einem Vulkankrater errichtet wurde. Und nachdem der Stein sehr weich ist, es handelt sich dabei um Lapilli-Tuff, war es letztendlich nicht allzu schwierig, diese großen Statuen zu schnitzen und auch zu bewegen.
Hier sieht man schon ein paar freigelegte Statuen. Es handelt sich dabei um ein Moai-Suchbild. Josef, unser Osterinselfreund und der Insel bester Reiseführer sagt seinen Touristen immer: „wenn du mir sagen kannst, wie viele Moais hier versteckt sind, darfst du einen mit nach Hause nehmen.“ Bis heute hat es keiner geschafft. Klar, die im Stein Versteckten erkennt nur ein Bildhauer, der auch damals bereits gelebt hat.
Die Statuen werden also freigelegt und soweit herausgeschnitzt, bis unten nur mehr ein kleiner, schmaler Grat übrigbleibt. Er wird durchlöchert, damit man an der Statue dann was anbringen kann, um sie hochzuheben. Man vermutet einen Lattenrost.
Glaubt ihr nicht? Stimmt aber. Ich habe jetzt keinen Lattenrost gezeichnet, weil mir das zu kompliziert war. Den müßt ihr euch vorstellen. Was ganz sicher stimmt ist der Schweiß, den die Leute beim Aufstellen produziert haben. Weil auch wenn die Dinger aus Tuffstein sind, sie waren ganz bestimmt sehr schwer.
Danach wurde das Hinterteil des Moais geschnitzt. Tja, Moais haben Hinterteile wie jeder Mensch, die lassen sich aber nicht fotografieren. Das Foto, welches wir vom A*sch des Moais gemacht haben, ist auf völlig unerklärliche Weise schwarz geworden. Hier nochmals Moais in sämtlichen Fertigungsstufen. Der am Rücken liegende ist gerade frisch geschnitzt zur Endmontage geschleppt worden. Danach würde er aufgestellt werden, um den Rücken zu bearbeiten (so wie der ganz vorne). Fertig bearbeitet wird er nach vorne gekippt, um dann abtransportiert zu werden. Die Transportlogistik ist nach wie vor ein ein wissenschaftlicher Streitpunkt. Manche sagen, sie wurden stehend transportiert, andere meinen, an den Ohren wurden Seile befestigt und die Moais dann so rücklings durch die Gegend gezogen. Josef ist ein Vertreter der "nach-vorne-gekippt-auf-Holz-gezogen" - Methodik. Klingt logisch. Aber auch wenn ich dem Josef alles glaube und er der weltbeste Osterinselführer ist, in diesem Falle halte ich es mehr mit Napo, unserem waschechten Rapa Nui Freund. Er ist überzeugt, dass Menschen mit ausreichend Mana die Steinkolosse alleine durch Gedankenkraft bewegen konnten. Und ich glaube das auch. Wobei ich allerdings der Meinung bin, dass die Gedankenkraft nicht unmittelbar auf die Figur wirkte sondern indirekt. Die alten Priester aktivierten magnetische Erdstrahlen, die die Statuen in die Luft hievten. Danach musste man sie nur mehr über die Insel schubsen.
Nachdem man den Moai auf dem richtigen Ahu aufgestellt hatte, wurden ihm Augen aus echten Korallen eingesetzt und er dadurch zum Leben erweckt. Tja, und schlussendlich kamen dann die Modeschöpfer in Aktion - manchmal sehr zum Leidwesen der archaischen Gesellen.
Posted by L9 at 10:01
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