16.05.06

Die letzte Unterhose

Jeder hat so seine letzte Unterhose. Diejenige, die man solange aufhebt, bis alle andernen aufgebraucht sind. Die man dann zähneknirschend anzieht und sich denkt - jetzt ist es allerhöchste Zeit, mal wieder die Wäsche zu waschen. Meine letzte Unterhose ist fliederfarben und hat bunte Zwerge aufgedruckt.

Neulich war es mal wieder soweit, die letzte Unterhose war dran. Es war ein Samstag, und die Chance ins Krankenhaus eingeliefert zu werden war gering, weil ich Autos besichtigen wollte. Im piekfeinen BMW Autohaus.
Natürlich hatte der Autohändler ausschließlich die männliche Begleitung im Visier. Das ist so bei BMW - da kaufen Frauen keine Autos.

Ich hatte mich deswegen präpariert, Fachausdrücke auswendig gelernt, um es den Typen dort so richtig zu zeigen. Ich mein ich kenn mich aus mit Autos, aber wie.

Ich glaube ich bin kreuz und quer durch den bevölkerten Verkaufsraum gelaufen. Zu jedem Modell haben wir unsere Kommentare abgelassen, meine Zwerge und ich.

Dass ich im Freien stand, ist mir erst auf der vielbefahrenen Strasse aufgefallen, wo ein angenehm kühler Wind meinen Oberschenkel umschmeichelte.

Ich glaube in diesem Autohaus kann ich mich nie wieder blicken lassen.

Posted by L9 at 16:06 | Comments (1)

08.05.06

Kleiner Bruder

Man sagt, die Geburt eines Kindes stürzt die älteren Geschwister in ihre erste, tiefe Sinnkrise. Alles dreht sich um das neue süße Baby, Eifersucht und Verlustängste machen dem Erstgeborenen ab da das Leben zur Hölle. Nicht so bei mir. Ich liebte meinen kleinen Bruder von Anfang an. Am meisten liebte ich ihn, wenn er weinte. Es gibt einfach nichts schöneres, als ein kleines Kind zu trösten. Da geht dir das Herz über.

Leider war mein Bruder ein sonniger Wonneproppen und weinte nicht allzuoft. Deshalb mußte ich nachhelfen.
Am Anfang genügte es, ihn anzustarren.

Er fing an zu weinen, ich tröstete ihn sofort.

Als ihn der starre Blick irgendwann mal nicht mehr beeindruckte, mußte ich zu härteren Methoden greifen.

Dummerweise ließ er sich ab da nur mehr von meiner Mutter trösten.

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Lieber kleiner Bruder,

herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Dass du trotz all den Dingen, die ich dir angetan habe, relativ normal geworden bist, freut mich sehr. Dennoch ist es mir ein Bedürfnis, dir nochmals zu versichern, dass meine Beweggründe keinesfalls böse waren. Im Gegenteil. Ich wollte dich auf das Leben vorbereiten.

Da war zum Beispiel der Bettdeckengeist, vor dem du sosehr Angst hattest. Da wollte ich dich nicht erschrecken.

Ich wollte dir lediglich demonstrieren, dass es keine Monster gibt und dass auch noch so schockierende Ereignisse meist natürliche Ursachen haben.

Was mir allerdings immer noch leid tut, ist die Sache mit dem Hosenträger. Das wollte ich wirklich nicht. In Wahrheit wollte ich nur experimentieren. "Was passiert, wenn man auf den Hosenträger steigt, den kleine Kinder hinter sich herschleifen lassen." Ich dachte eigentlich, du bleibst gerade stehen und kannst nicht weitergehen.

Woher sollte ich auch die Existenz der Mechanik der Massenpunkte, die Trägheitsgesetze und die Geheimnisse rund um Beschleunigung und Abbremsung starrer Körper erahnen!?

Ich hoffe du verzeihst mir.

Alles Liebe, feiert schön
Deine große Schwester

Schau mal, auf diesem Foto erkennt man doch ganz eindeutig, wie lieb ich dich hatte. So lieb, dass der Kopf gewackelt hat.

Und das, obwohl ich nicht mal mehr was zu essen bekommen habe, nachdem du auf der Welt warst!

Posted by L9 at 07:30 | Comments (0)